Journal
Der letzte Besuch bei den Waranen von Komodo
Ishak Ata Modo hat zwei Lieblingssätze, die er bei jeder Führung unterbringt. Einer lautet: „Die weiblichen Komodowarane sind um ein Vielfaches aggressiver als die männlichen.“ Das lässt jeden in der Reisegruppe aufhorchen, und auch dieser Spruch verfehlt nie seine Schockwirkung: „Frisch geschlüpfte Warane rennen instinktiv auf einen Baum, sonst frisst sie das Muttertier.“
Der 40-Jährige ist seit fast 20 Jahren Guide auf der indonesischen Insel Komodo, inzwischen Vorsitzender der Naturführer, und er genießt es, sein Publikum mit Fakten zu erschrecken. Neuerdings gehört ein weiterer Satz zu seinem Standardrepertoire, der ihn allerdings gehörig nervt: „Nein, Komodo wird 2020 nicht schließen!“
Während seiner Touren wird Ishak seit Monaten immer wieder gefragt, was denn nun dran sei an den Behauptungen, Komodo werde bald komplett für Besucher gesperrt. Das seien nur unausgegorene Gedankenspiele lokaler Politiker, entschieden sei noch gar nichts, entgegnet er dann, und man merkt ihm seine Wut an. Schon jetzt hätten große Reiseveranstalter für das kommende Jahr ihre Buchungen abgesagt, der Schaden gehe in die Millionen.
Ishaks tropische Heimatinsel ist berühmt für ihre Warane: urzeitliche Echsen, die bis zu drei Meter lang werden, die Hirsche, Affen und Wildschweine vertilgen können und nur auf Komodo und einigen Nachbarinseln leben. Ihr Bestand ist bedroht, sie stehen auf der Liste der gefährdeten Arten.
Doch weil die Riesenwarane so selten und so Furcht einflößend sind, sind sie eben auch eine Attraktion. Und genau das ist ein Problem, denn die Besucherzahlen auf Komodo steigen seit Jahren, von 44.000 im Jahr 2008 auf 176.000 Besucher 2018. Das bedeutet mehr Müll, den niemand entsorgt, mehr Boote, deren Anker die Korallen beschädigen, und eine zunehmende Störung der Warane in ihrem natürlichen Lebensraum.
Ende März flog dann noch ein Schmugglerring auf: Die Gauner hatten versucht, fünf Baby-Drachen auf Facebook zu verkaufen, zuvor hatten sie laut Polizei 41 Komodowarane für bis zu 32.000 Euro pro Stück verscherbelt. Der neu eingesetzte Gouverneur nutzte den Skandal, um ein Exempel zu statuieren.
Er sagte öffentlich, dass sich im Umgang mit den Tieren etwas ändern müsse, denkbar sei auch eine vorübergehende Schließung der Insel, um die Warane zu schützen. Eine Regionalzeitung schrieb zuerst: „Gouverneur will Komodo 2020 schließen“.
Die Meldung ging um die Welt. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Die Schließung war nur eine Idee, beschlossen hatte und hat sie niemand.
Seit einem halben Jahr ist Ishak Ata Modo nun damit beschäftigt, die Folgen dieser Meldung einzudämmen und dafür zu kämpfen, dass die Insel nicht geschlossen wird. Sein Argument: Der Tourismus habe zwar in den vergangenen Jahren zugenommen, aber die Besucher hielten sich nur in einem kleinen Gebiet an der Küste auf und kämen ohnehin nur für zwei, drei Stunden. Tatsächlich buchen die wenigsten eine Tour mit Übernachtung auf Komodo.
Achmad Ariefiandy von der Umweltorganisation Komodo Survival Program bestätigt, dass das touristische Gebiet weniger als zwei Prozent der Gesamtfläche der Insel ausmacht. „Aber es kommt immer wieder vor, dass Touristen unerlaubterweise Sperrgebiete betreten und dort sogar Warane füttern.“ Ergo: Je weniger Besucher, desto besser für die Warane.
Ishak hält dagegen. Touristen liefen stets in 20er-Gruppen mit einem Guide über die Insel, auf vorgegebenen Pfaden. Die Chance, unter einem Palmenblatt oder auf einer Lichtung Warane zu sichten, sei groß, eine Garantie gebe es allerdings nicht. An manchen Tagen zeige sich keine einzige Echse. „Dann zeige ich den Besuchern eben Giftschlangen oder Giftspinnen.“
Ohne großen Stock würde Ishak den Wald nicht betreten: „Warane sind unberechenbar, sie können ganz plötzlich sehr aggressiv reagieren und sehr schnell rennen.“ Mit dem Stock hält er sie auf Abstand und erklärt, dass ihr Speichel ein Bakterium enthält, das die Heilung von Bisswunden verhindert. „Erst voriges Jahr ist wieder ein Mensch gestorben, der hier gebissen wurde.“
Ishak Ata Modo wurde 1978 auf Komodo geboren, in einem von zwei Dörfern, die es auf der Insel gibt. Er ist mit Waranen aufgewachsen. Rund 2000 soll es auf Komodo geben, ihre Zahl gilt seit Jahren als stabil. Auf der Nachbarinsel Rinca leben noch einmal gut 3000 Tiere. „Die Biester lassen sich aber schwer zählen“, sagt Ishak, schließlich würden sie zwischen den Inseln auch hin und her schwimmen.
Die komplette Schließung Komodos ist inzwischen vom Tisch. Die lokale Regierung hat eine neue Idee präsentiert: eine saftige Eintrittsgebühr von 1000 US-Dollar. Mit der dürften sogenannte Premium-Kunden dann ein Jahr lang alle Inseln des Komodo-Nationalparks besuchen, auf Komodo übernachten und auf exklusiven Touren die Insel erkunden.
Doch auch dieses Konzept ist noch keine beschlossene Sache. „Es wird frühestens 2021 Änderungen geben“, sagt Achmad Ariefiandy vom Komodo Survival Program. Vorher werde eine umfassende Studie durchgeführt.
„Ein Team aus Experten und Politikern hat dafür ein Jahr Zeit und wird dem Umweltminister Ende 2020 Bericht erstatten.“ Es solle eine Lösung gefunden werden, die den Bedürfnissen der Tiere, der Touristen, aber auch der lokalen Bevölkerung gerecht werde.
Den Bedenken, dass bald nur noch Luxusreisende Warane zu Gesicht bekommen dürfen, tritt die Regierung schon jetzt entgegen. „Wer die Gebühr in Komodo nicht zahlen will“, gab Luhut Pandjaitan, Indonesiens Schifffahrtsminister, zu Protokoll, „kann für eine weitaus geringere Gebühr die weniger berühmte Nachbarinsel Rinca besuchen.“ Dort leben bekanntlich mehr Warane als auf Komodo.
Ishak Ata Modo hat also recht mit seiner Einschätzung, dass Komodo 2020 nicht schließen wird. Was danach passiert, weiß derzeit niemand. Derweil bauen die Einheimischen am Hafen von Komodo weiterhin Tag für Tag ihre Stände mit Drachen-T-Shirts und Waran-Souvenirs auf.
Sobald sich ein Touristenboot nähert, preisen sie ihre Ware mit lauten Rufen an und unterbieten sich gegenseitig. Der Preis für einen Aschenbecher mit Mini-Waran fällt in wenigen Sekunden von umgerechnet vier auf zwei Euro.
„Es kommen einfach zu wenig Boote“, klagt einer der Händler, die Einnahmen hätten sich schon jetzt halbiert, obwohl die Schließung nur ein Gerücht gewesen sei. „Wir sind weiterhin hier, auch im kommenden Jahr“, sagt er und geht ungefragt mit dem Preis auf 1,50 Euro runter.
Tim Fischer, Porträt
Schicksalssinfonie im Ohr
Seit März kein Alkohol, seit Juli keine Zigaretten
Getrennt und doch zusammen
Liebe zu alten Liedern
Erschienen in der Berliner Morgenpost, 13.10.2013
Egon Bahr, Porträt
Ungeheuer! Fabelhaft! Toll! Unglaublich! Gewaltig! Faszinierend! Oder auch: schrecklich!
Das sind die Wörter, die Egon Bahr oft benutzen wird auf unserem Spaziergang durch das Berlin seiner Vergangenheit. Dieser Mann ist mit seinen 90 Jahren noch immer sehr begeisterungsfähig, für die Dinge, die in der Stadt, in Deutschland und eigentlich in der ganzen Welt passieren.
Wenn er diese großen Wörter ausspricht, dann meist gedehnt, etwa so: “Uuuungeheuer.” Sie zeigen, wie präsent ihm die Vergangenheit noch ist, als ob er nur zur Seite in den Rückspiegel eines Autos blicken müsste. An US-amerikanischen Rückspiegeln ist immer eine Warnung aufgedruckt: “Objekte, die Sie im Rückspiegel sehen, können näher erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind.”
Wie nah Egon Bahr diese Geschichten aus der Vergangenheit wirklich noch sind, wird schon nach den ersten drei Minuten in seinem Büro deutlich, als er begründet, warum er auf diesem Spaziergang nicht viel laufen werde. Er sagt: “Ich bin Anfang 1942 zur Wehrmacht eingezogen worden, zu den sogenannten Stoppelhopsern.” Das war die Kompanie, die nach Russland marschieren sollte und mit viel Glück wieder zurück.
Er aber meldete sich freiwillig zur Luftwaffe. “Diese Neigung, nicht zu laufen, war damals schon da und hat sich gehalten, auch wenn ich es sehr bedaure.” Er fühle sich behindert, aber nicht begrenzt. Dieser Unterschied ist ihm wichtig. Dabei sei ihm heute klar, was Laufen sei: “Kosssstbar.”
Zum Spaziergang liegt deswegen eine Berliner Straßenkarte auf dem Tisch. Bahrs Reiseproviant daneben: ein Glas Wasser und eine Marlboro-Packung mit drei Zigaretten. Er ist neben Altkanzler Helmut Schmidt einer der wenigen, die hier in der Berliner SPD-Parteizentrale rauchen dürfen.
Das riecht man sofort, wenn man das Zimmer betritt. Es wird ein gemütlicher Spaziergang werden. Egon Bahr setzt sich seine “richtige Brille” auf, die, mit der er Dinge erkennen kann, die ganz nah bei ihm sind.
Wir beginnen in dem Haus, das nach dem Mann benannt ist, der über viele Jahre Egon Bahrs Partner in der Politik und guter Freund war: Willy Brandt. Er, der Bürgermeister, Bahr sein Sprecher, Brandt der Kanzler, Bahr sein Staatssekretär, er, der zurücktritt, Bahr, der vor laufender Kamera weint. Unter Brandt hat Bahr die Ostverträge ausgearbeitet, hat mit dem Passierscheinabkommen die Besuche zwischen Ost- und Westdeutschland möglich gemacht, hat das berühmte Schlagwort “Wandel durch Annäherung” geprägt.
Nach Egon Bahr ist bisher kein Haus benannt worden, wohl aber eine Straße in Treffurt in Thüringen. Dort wurde er 1922 geboren, bei der Einweihung war er dabei. Doch wenn er darauf zurückschaut, sagt er kein großes, gedehntes Wort, sondern einfach: “Ja, man freut sich.”
Egon Bahr nimmt die Straßenkarte zur Hand. “Augenblick”, sagt er. Die erste Station der kleinen Karten-Reise soll seine Schule sein. Er sucht sie. “Wir sind ja nicht in Eile.” Er zündet sich eine Zigarette an und: “Hier, am Perelsplatz, da war es.” Er meint das Friedenauer Gymnasium, heute heißt es Friedrich-Bergius-Oberschule. Er verknüpfe viele gute Erinnerungen mit diesem Ort.
Er habe hier Peter Bender kennengelernt, mit dem ihn eine “ungebrochene Freundschaft” verband. “Weder Peter noch ich waren in der Hitlerjugend”, sagt er, “und deshalb mussten wir am Sonnabend nachsitzen, während die anderen beim Wehrdienst waren.”
Wieder blitzt er auf, dieser Krieg. Ja, er träume noch davon, am meisten vom Silvesternachmittag 1943: Er hatte den Auftrag, Post von einem Flugfeld zu holen, als plötzlich eine feindliche Maschine auf ihn zuflog und schoss. “Ich habe mich auf den Boden geworfen und gemerkt, wie beruhigend ein kleines Grashügelchen sein kann.” Er schaute auf. “Das Ferkel kam noch einmal zurück.” Er sagt, er habe das als eine Gemeinheit empfunden, an Silvester Jagd auf einen Soldaten zu machen. Das war: “Uuuungeheuer.”
Bahr will weiterlaufen. Er nimmt wieder die Karte in die Hand, rückt die Nahsehbrille zurecht und sucht einen Ort in Weißensee. Rennbahnstraße 113, dort wohnte er in der Zeit, als er zur Schule ging. Drei Zimmer, die Straßenbahn fuhr nicht weit davon, hier hat er Brötchen geholt, von hier ist er in den Krieg gezogen. Und er hat noch Jahre später von dieser Ortskenntnis profitieren können.
Als er nach dem Mauerfall wöchentlich drei Tage in Straußberg bei dem Abrüstungsminister Rainer Eppelmann saß, konnte er dem ostdeutschen Fahrer, der ihn zum Flughafen Tegel bringen sollte, Schleichwege in Weißensee zeigen, die der nicht kannte.
Von Weißensee aus führt Bahr seinen Finger in Richtung Ostseestraße, die zur Wisbyer, dann Bornholmer, Osloer und schließlich Seestraße wird. Dann beschreibt er den 20. April 1945, der Krieg war noch nicht zu Ende, und es war Hitlers Geburtstag. An diesem Tag also zog er mit seiner Mutter und vielen Kartons und Taschen in eine neue Wohnung.
“Ich weiß noch, wie hinter uns die russischen Granaten in die Stadt flogen.” Mit Fahrrädern liefen sie bis zur Ecke Seestraße/Müllerstraße. “Da plötzlich wackelte eine Straßenbahn, Linie 28, vor uns in Richtung Tegelort – gewalllltig!” Seine Mutter und er stiegen ein und fuhren in das Haus in Tegelort von Dorothea Grob, seiner späteren Frau.
Sie war damals schwanger, und er spricht heute noch von Glück, dass die Sowjets sie nicht vergewaltigten. Sie kamen bewaffnet in den Luftschutzkeller in der Wohnung. Alle hatten Angst, Bahr auch, aber er stellt sich vor seine Frau. Sie blieb verschont, die Russen nahmen andere. “Keine schöne Erinnerung, nein.” Er schaut zur Seite, als könne das dieses Bild im Rückspiegel vertreiben.
Bahr war bis zu ihrem Tod mit Dorothea verheiratet, trennte sich in den 70er-Jahren, ließ sich nie von ihr scheiden. Vor einem Jahr starb sie. Für die Beerdigung hatte sie sich bestellt: “What a Wonderful World” von Louis Armstrong. “Ein tolles Lied”, sagt er. Für ihn war dieses Lied ein Zeichen, dass sie im Frieden aus der Welt schied. Bei seinem letzten Treffen hat sie ihm das Ende angedeutet. Sie hatte beim Abschied ein Wort benutzt, dass sie noch nie gesagt hatte … Er will das Wort aber nicht gedruckt sehen.
Für einen Moment ist es still im Büro. Wie weiter, wenn der Tod im Raum steht? Bahr winkt mit Zigarette in der Hand ab: Er habe ein entspanntes Verhältnis zum Tod. Dem entkomme sowieso niemand. “Die Vorstellung, schmerzlos zu sterben, das ist ein Ziel, das ich noch erreichen will”, sagt er.
Aber richtig, die Einschläge seien näher gekommen. Willy Brandt vor 20 Jahren, Peter Bender vor vier Jahren. Doch es sei schön, wenn noch Post komme, wie neulich vom Klassenkameraden, der jetzt auch 90 Jahre alt sei, wie er.
Egon Bahr nimmt die Karte wieder zur Hand: Schulenburgring 5, gleich beim Flughafen Tempelhof. Dort hat er später gelebt, während der Luftbrücke. Auch die ist ihm: ganz nah. “Ich hörte natürlich ständig die Flugzeuge.” Ein “unglaaaublich” angenehmes Geräusch sei das gewesen. “Wenn plötzlich Stille war, wachte man auf und fragte sich, was ist los, funktioniert die Luftbrücke nicht mehr?”
Vielleicht sind es Erlebnisse wie diese, die für ihn den Wandel durch Annäherung so unbedingt nötig machten. Dieses Gefühl, dass Berlin nicht für immer geteilt sein darf. Noch heute erreichen ihn Anfragen von Doktoranden dazu. “Immer mehr sind auch Anfragen aus dem Ausland dabei”, sagt er. Zum Beispiel aus Südkorea, deren Verhältnis zum Nachbarn Nordkorea noch immer sehr gespannt ist. Zuletzt war er im Jahr 2005 dort. Man kennt seinen Namen in Südkorea. Dessen früherer Präsident, Kim Dae-jung, wurde wegen seiner Politik der “Egon Bahr Südkoreas” genannt.
Doch wir sind in Berlin, und der nächste Schritt auf Bahrs Reiseroute ist der S-Bahnhof Köpenick. Dort hat er am eigenen Leib erfahren, was das Passierscheinabkommen im Jahr 1963 bewirkt hat. 700.000 West-Berliner sind damals nach Ost-Berlin gereist. Egon Bahr war einer von ihnen, besuchte seine Tante Valerie, die er nur Tante Wally nannte.
“Sie lebte in einem Haus, das eher eine Laube war.” Er sucht auf der Karte die Gegend um den S-Bahnhof ab und findet nur Straßen mit sehr seltsamen Namen: Dornröschenstraße, Rotkäppchenstraße, Frau-Holle-Straße. “Die haben sicher anders geheißen, aber da in der Gegend war es.” Es habe Gans gegeben. “Faaaabelhaft” habe die geschmeckt.
Er nimmt die Karte noch einmal in die Hand und schaut einfach so darauf, raucht, verschafft sich einen Überblick über Berlin. Er sagt: “Wissen Sie, es gibt für mich so viele Orte hier, die eine Bedeutung haben.” Er kenne die Stadt ja noch aus der Vorkriegszeit.
Auch den Potsdamer Platz. Heute sei dieser Platz für ihn “ein Stück vollzogener Einheit, angenommen von den Menschen”. Imposant sei es dort, aber von Schönheit könne keine Rede sein. Berlin sei nie eine wirklich schöne Stadt gewesen. “Aber sie war immer: fassssszinierend!”
Egon Bahr und Berlin sind eben miteinander verbunden. Er hat den Mauerbau und den Mauerfall miterlebt. Diesen Tag wird er nicht vergessen, auch, weil es für ihn mit einem seiner wichtigsten Wirkungsstätten in Berlin verknüpft ist: dem Schöneberger Rathaus, wo Willy Brandt von 1957 bis 1966 Bürgermeister war, wo Egon Bahr 1960 sein Sprecher wurde. Seine letzte große Erinnerung an dieses Haus geht auf den 10. November 1989 zurück.
Er habe im Zimmer von Walter Momper gestanden, dem damaligen Regierenden Bürgermeister, während unten die Kundgebung stattfand. Brandt hielt eine Rede: “Jetzt wächst zusammen …”. Die Stimmung im Zimmer war einig: “Jetzt müsse man sehr aufpassen, dass das nicht außer Kontrolle gerät.”
Dann hörte Egon Bahr, mit welcher Selbstverständlichkeit “dieser Momper” plötzlich darüber sprach, dass er mit seinem Kollegen aus Ostberlin neue Übergänge vereinbart hatte. “Toll!”, sei das gewesen und auch: “Unglauuublich!” Er habe so lange kämpfen müssen, um einen oder zwei zu kriegen! Für ihn war das ein Symbol für diese völlig neue Situation. Für das Zusammenwachsen. “Dabei sind wir übrigens immer noch.”
Er spricht dann davon, dass er die Stasi-Unterlagenbehörde noch immer im Jahr 2019 schließen würde, etwas, das ihm auch Kritik eingebracht habe. Er wird laut: “Niemand kann erwarten, dass ich nun in meinen ausgehenden Jahren taktisch und gegen meine Überzeugung argumentiere!” Dieses Einsetzen für die Versöhnung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit brachte ihn wieder in die Zeitungen, die er, der ehemalige Journalist, noch immer mit Begeisterung liest.
Den aktuellen Streit um die Flughafeneröffnung verfolge er. “Es ist nicht das erste Mal”, sagt er, “dass wir für etwas Großes, Unabweisbares eine lange Zeit brauchen.” Wir, das meint, wir Berliner. Er erinnert an die Stadtautobahn oder das ICC. Er tippt auf die Karte, in die Nähe des Funkturms. “Schreeecklich unpopulär” seien diese Bauprojekte gewesen.
Wir falten die Karte zusammen und gehen dann doch noch einmal vor die Tür. Im Fahrstuhl erzählt er, was ihn gerade noch alles beschäftigt: die Wahlen in Mexiko, die “Occupy”-Bewegung in den USA, die Jugend in Russland, das nervöse Handeln von China im Fall von Ai Weiwei. Und dann der Cyberwar. Das Internet ermögliche eine “unkontrollierbare Grenzenlosigkeit”. Er sei gespannt, wie die Politik damit umgehen werde. Denn wie solle man Grenzenloses kontrollieren? Auf dem Tisch hätte genauso gut eine Weltkarte liegen können.
Im Foyer laufen wir vorbei an der großen Statue von Willy Brandt. Bahr sagt: “So verlottert ist der doch niemals rumgelaufen, aber man gewöhnt sich daran.” Draußen am Büroeingang werden Postkarten mit Fotos von Willy Brandt verkauft, keine mit Egon Bahr. Er winkt ab: “Aber es hängt doch nicht an Postkarten!”
Dann steht Egon Bahr auf der Stresemannstraße. Es ist drückend heiß. Er steht an einem Fenster, das von außen verspiegelt ist. Darin sieht er nur: die Gegenwart. Wenn er genau hinschaut, könnte er in der Fensterscheibe auch sehen, dass die Menschen, die an ihm vorbeilaufen, sich nach ihm umdrehen. Manche bleiben stehen. Aber er will jetzt nicht mehr in irgendwelche Spiegel schauen, er hat noch viel zu tun heute.
Erschienen in der Berliner Morgenpost, 14.7.2012
Kallstadt, wo Donald Trumps Wurzeln sind
Kallstadt. Bevor Jörg Dörr überhaupt etwas von Donald Trump erzählt, nimmt er in seinem Büro einen Faltplan von Kallstadt, klappt ihn auf, markiert mit dem Kugelschreiber ein Kreuz auf der Freinsheimer Straße und schreibt die Hausnummer 20 daneben. „Hier sind wir“, zeigt er auf der Karte, „und dort ist der Großvater von Trump geboren.“
Wie alle im Ort spricht er „Trump“ nicht mit A, sondern mit U aus. Und bei allem, was er danach sagt, wird man als Zuhörer das Gefühl nicht los, dass dieser Tourismusbeauftragte der idyllischen Weinregion in der Pfalz es auch gerne dabei belassen würde.
Aber das geht im Frühjahr 2016 nicht mehr. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump gewinnt in den Vorwahlen an Aufwind, besonders nach dem „Super Tuesday“, bei dem Trump wie seine demokratische Gegenspielerin Hillary Clinton sieben Bundesstaaten für sich gewann. Er steht für größenwahnsinnige Forderungen („Ich werde eine große Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen“) und plumpe Parolen („Keine Einwanderung für Muslime“). Dennoch hat er Chancen, weitere Vorwahlen zu gewinnen – und sogar ins Weiße Haus einzuziehen.
Doch Jörg Dörr belasten derzeit eigentlich andere Sorgen: „Die Mandelblüte in diesem Jahr beginnt viel früher als sonst. Diese sechs ‚rosa Wochen‘ sind für unsere Region so wichtig, wie die Kirschblüte in Japan.“ Wegen des Klimawandels aber haben schon jetzt die ersten Bäume ihre charakteristische rosa Färbung angenommen, die normalerweise wochenlang mehr Gäste in die 22 Restaurants des Ortes lockt, als es ein Präsident in spe jemals vermag.
„Durch unser Dorf führt die älteste und bekannteste deutsche Ferienstraße“, sagt Dörr, „und Wein sowie Saumagen prägen unser Dorf mehr als der Kandidat in den USA.“ Mit Trump zu werben, käme ihm nie in den Sinn, auch wegen seiner unberechenbaren Äußerungen. „Was ist, wenn wir erst groß damit werben und er dann plötzlich mit einer Äußerung zu weit geht?“
Andersherum aber ist Trump in den USA inzwischen stolz auf Kallstadt. Nachdem er noch vor einigen Jahren behauptete, schwedischer Abstammung zu sein, hat er sich inzwischen selbstbewusst als Exildeutscher geoutet. „Kallstadt macht einen tough“, sagt Trump über den Heimatort seiner Vorfahren. „Aber man musste dort auch schlau sein, sonst nützt die Härte überhaupt nichts.“
Er meint seinen Großvater Frederick Trump, der 1885 in die USA auswanderte und in New York den Grundstein für den Immobilienreichtum der Trumps legte – und so Donald Trump überhaupt erst die Kandidatur ermöglicht. „Wenn ich einmal in Deutschland bin, werde ich auf jeden Fall in Kallstadt vorbeischauen.“
Er wird dann einen idyllischen Ort vorfinden: Sanierte Fachwerkhäuser, enge Gassen, gemütliche Restaurants, am Dorfrand den ältesten Mandelbaum der Welt, im Zentrum eine Zwiebelturmkirche und einen Brunnen – alles eingebettet in Weinberge. Selbst bei Regen wirkt es hier nicht trist, vielmehr bekommen die alten Steine einen frischen Glanz.
Trump ist allerdings nicht der einzige Prominente, der hier seine Wurzeln hat. So kommt auch der „Heinz“-Ketchup-Magnat aus diesem kleinen Ort in der Pfalz. Sie alle wurden in dem Dokumentarfilm „Kings of Kallstadt“ gewürdigt, der vor einem Jahr in den Kinos lief. Allerdings wettert die Hauptdarstellerin des Films, Veronika Schramm (68), eher über Trump: „Für mich ist das unbegreiflich, wie es so einer soweit schaffen konnte“, sagt sie. „Wie der seine Kontrahenten verbal angreift, das finde ich zu radikal und ja, fast“, sie pausiert, „menschenverachtend.“ Dies habe sie auch dem „Wall Street Journal“ gesagt. „Der klingt manchmal wie ein Geisteskranker.“
Andererseits, räumt Schramm ein, hätten die Kallstädter schon immer einen speziellen Spitznamen gehabt: „Brulljesmacher“. Der Ausdruck bedeutet, dass man ein bisschen Wind um sich selbst macht, auf großem Fuß lebt. „Etwas Dampf machen“, heißt es in dem 1200-Einwohner-Ort.
Schon früh spezialisierten sich die Kallstädter auf den Weinanbau und erarbeiteten sich Wohlstand. Sie waren das erste Dorf mit Kanalisation in der Region und mit anderen Vorzügen der Moderne. Die Nachbargemeinden schauten mit Neid in Richtung Zwiebelturm.
Und Donald Trump ist der größte Brulljesmacher von allen. „Was ich leite, läuft“, lautet einer seiner Sätze: „Ich werde der beste Präsident, den Gott je erschaffen hat.“ Er gibt an mit seinen Millionen, seinen Immobilien und mit seiner Herkunft.
Sollte Trump jemals Kallstadt besuchen, wird er dann wohl auch die Hand von Thomas Jaworek drücken, dem ehrenamtlichen Verbandsbürgermeister des Dorfes. Jaworek geht professionell mit dem Rummel um seine Wahlheimat um. Er hat in Großbritannien und Japan studiert, aber zog 1998 in dieses Dorf. Sein Büro ist dekoriert mit Weinköniginnen, es ist kleiner als das des Tourismusbeauftragten Jörg Dörr, aber dafür genießt es Jaworek ein bisschen, nach seiner Meinung zum US-Wahlkampf gefragt zu werden.
Der Bürgermeister will vorläufig weder eine Straße noch ein Haus nach den Trumps benennen. „Das definiert uns als Ort nicht“, sagt er, „unser Markenzeichen ist die Gemeinschaft.“ Er spricht von Theater- und Turnverein, von Festen und den „Tagen der offenen Weinkeller“. Probleme gebe es auch. Die Bundesstraße, die durch den Ort führt und die Lastwagen, die an den alten Gemäuern vorbeirattern, das ärgere viele Bürger. Eine Umgehungsstraße ist in Planung, aber nie wirklich in Angriff genommen worden. Außerdem werden immer wieder Straßen saniert, „jetzt gerade die Freinsheimer Straße, Sie wissen schon, das ist die Straße, an der …“
Und schon landet das Gespräch wieder bei Donald Trump. Thomas Jaworek wird ernst: „Mal angenommen, es geht bei ihm eines Tages nicht mehr nur um Sprüche“, sagt er diplomatisch, „dann könnte ich mir schon vorstellen, dass er zeigen kann, was er wirklich kann.“ Jaworek versteht, dass ein Vorwahlkampf vor allem zur Profilierung dient. Und mit „Brulljes“ hat man zumindest die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Er aber sieht „Brulljes“ als etwas Praktisches: „Wir schaffen erst etwas und reden dann darüber.“ Das könnte er ja Donald Trump bei einem Treffen erklären.
Er könnte mit ihm einen Spaziergang machen, auf den Spuren der Trumps, vorbei an der Winzerstuben, am Friedhof, wo Vorfahren von Trump begraben liegen und schließlich auf den Weinberg hinauf, wo man von oben auf den Dorfkern blicken kann und zu dem kleinen Haus in der Freinsheimer Straße. Zwischen Landhotel und Weingut steht dieses ordentliche Haus, wo Frederick „Trump mit U“ aufwuchs. Wer ganz nah an das Geburtshaus von Trump herantritt, liest auf einem Schild: „Gott sieht alles“ und darunter: „nur mein Nachbar sieht mehr.“
Wie alle hier im Ort, sagt auch der Bürgermeister „Alla“ zum Abschied. Das ist so etwas zwischen „Tschüss“ und „Na denn mal an die Arbeit“.
Erschienen in der Berliner Morgenpost, 6.3.2016.
Clausnitz sucht ein neues Image
Clausnitz. Alice Neuber geht bei gutem Wetter täglich durch Clausnitz, ein lang gestreckter Ort mit einer langen Dorfstraße, parallel zum Dorfbach. Alice läuft vorbei an Plastikschaukeln, Vogelhäuschen, Dächern mit Solaranlagen. Vom Oberdorf, wo das Flüchtlingsheim steht, läuft sie manchmal bis zum Ortseingang im Unterdorf, wo das Schild steht: „Clausnitz – ein Ort mit Geschichte“.
Sie muss bei ihrem Spaziergang aufpassen, es gibt fast nirgends einen Fußweg, die Autos fahren langsamer, geben Lichthupe, manche winken durch die Windschutzscheibe. Alice Neuber kennt alle 800 Einwohner von Clausnitz, zumindest vom Sehen. Sie wurde hier geboren, war 17 Jahre alt bei Kriegsende, 33 Jahre bei Mauerbau, und als 2015 die Flüchtlinge nach Deutschland kamen und viele im Ort wütend wurden, da sagte die 88-Jährige: „So ein paar Konfibschen gibt es eben überall.“
„Konfibschen“ oder „Gonfiebschn“, das Wort lässt sich nur ungefähr schreiben. Es bezeichnet im sächsischen Dialekt die schwarzen Schafe, die es in jeder Gemeinde gibt, die einem auch peinlich sind. Das Wort klingt harmlos für den Mob von 100 Menschen, die in Clausnitz laut Polizeibericht am 18. Februar 2016 einen Bus voller Flüchtlinge mit Gewalt daran hindern wollten, zu ihrer neuen Unterkunft zu gelangen.
Es klingt harmlos für einen Polizisten, der damals einen Flüchtlingsjungen im Polizeigriff aus dem Bus zerrte, während die Rufe „Wir sind das Volk!“ lauter wurden. Der Polizist hatte die Nerven verloren, heißt es später, wollte so die Situation schnell beenden. Aber in jener Nacht machte es alles schlimmer: Im Bus weinten Menschen, die vor Krieg flüchteten, draußen riefen Sachsen „Verpisst euch!“ und „Ihr braucht nicht rumheulen!“.
Die Szene ist heute noch so präsent, weil mehrere Menschen mit ihren Mobiltelefonen mitfilmten. Es ist der Beweis, wie es aussieht, wenn „die Stimmung kippt“, was so viele Experten längst erwarteten auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Ein Video aus der Nacht ist der erste Treffer bei der Google-Suche nach „Clausnitz“.
Es hat – man muss es so sagen – dessen Ruf zerstört. Zeitungen titeln damals „Grölender Mob schikaniert Flüchtlinge“ und „Tage der Schande“. Es tauchte auch ein zweites Video auf, das verängstigte Kinder zeigte.
Denn noch in der gleichen Woche brennt im sächsischen Bautzen ein Haus, in das Flüchtlinge einziehen sollten, Anwohner klatschen Beifall. Ein Bundesland wird damals zum „Schandfleck“, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sagte über Bautzner und Clausnitzer: „Das sind keine Menschen, die so was tun.“
Ein Jahr später will Clausnitz’ Bürgermeister Michael Funke nicht mehr über diesen Abend sprechen. Er bitte um Verständnis, er habe genug gesagt. Das wundert einige Clausnitzer, denn im Dorf redet man auch im Februar 2017 noch häufig über den Vorfall. Im unteren Teil des Dorfes sagt eine Frau: „Ich war zu Hause, habe aber nichts gehört, das Video kenne ich, da ist keiner meiner Bekannten dabei.“
Beim Blumenladen im Dorfzentrum erzählt eine Frau, die direkt neben dem Flüchtlingsheim wohnt: „Ich habe nichts gehört und sehr gut geschlafen. Erst am nächsten Morgen rief ein Cousin, der in Thailand lebt, an und fragte, was passiert sei.“ Und eine Verkäuferin in der Fleischerei: „Ich habe Geburtstag am 18. Februar, den wollte ich in Ruhe feiern, damit ist es ja erst einmal vorbei.“
Wirklich jeder von ihnen sagt: „Das wurde doch von den Medien aufgebauscht.“ Die Einwohner haben sich eben auch überfallen gefühlt von dem weltweiten Interesse an ein paar „Konfibschen“. Selbst der heute 15 Jahre alte Flüchtling Luai Khatum sagt, er denke selten an jene Nacht, als ihn der Polizist aus dem Bus zerrte. Er spricht fließend Deutsch und will selbst Polizist werden.
Auf seinem Fensterbrett steht ein Mini-Polizeiauto. Über die Demonstranten von damals spricht er wie ein richtiger Clausnitzer: „Das waren ja keine Leute von hier.“ Dann fügt er an: „Nicht alle.“ Dass einige vor dem Bus Kopf-ab-Zeichen gemacht haben und sein Bruder geweint hat, das will er nicht mehr besprechen. Er sagt, er habe jetzt viele deutsche Freunde.
Andere Flüchtlinge erzählen, dass Clausnitzer Spielzeug gespendet haben, Kleidung, sogar eine Couch und einen Flachbildfernseher. Viele der männlichen Flüchtlinge spielen Fußball im Ortsverein. Sie haben sich eingelebt.
Doch nicht alle sind mit diesem Bild einverstanden. Im Schatten der Kirche im Dorfkern steht ein Mann, der wie alle Anwohner außer Alice Neuber seinen Namen „lieber nicht“ nennt. Er fand den ARD-Beitrag, der kürzlich über Clausnitz ausgestrahlt wurde, nicht ausgewogen. „Warum lese ich in keinem Bericht, dass es auch Probleme gibt mit Flüchtlingen?“ Er meint, dass im Sommer 2016 eine „derer“ Familien hier ein Schaf geschächtet habe. „Das Blut floss in den Abfluss, und das Klärwerk fand das gar nicht komisch.“ Außerdem habe im Mai plötzlich Geld in der Gemeinschaftskasse vom Fußballverein gefehlt. Beweise gebe es nicht, aber er habe gehört im Dorf, das waren „die“. Er will im September die AfD wählen. „Damit sich etwas ändert.“
Die Geschichte vom blutenden Schaf und der leeren Fußballvereinskasse wird in Clausnitz oft erzählt, meist mit dem Unterton: „Die werden sich nie anpassen“. Wenn die 88 Jahre alte Alice Neuber davon erzählt, klingt es versöhnlicher, so als ob es auch unter den Flüchtlingen ein paar „Konfibschen“ geben dürfe. „Ich verstehe nicht“, sagt sie, „warum sich hier einige bedroht fühlen.“ Sie habe Schlimmeres überlebt. Zu ihr waren „die Jungs“ immer freundlich. „Gegrüßt haben sie“, sagt sie, „wie es sich gehört.“
Am Ende eines anstrengenden Tages sitzt Sedegh Ranjbar auf seiner roten Couch in der Cämmersdorfer Straße, Luais Familie wohnt im Nachbarhaus. Der 25 Jahre alte Iraner ist morgens mit seiner Frau Mahsa und dem einjährigen Babak um 7 Uhr zur Krippe gefahren. Die Eltern besuchen einen Sprachkurs in Freiberg, holen das Kind um 15 Uhr wieder ab.
Sedegh spricht gutes Deutsch, Stufe B2. Auch er hat den 18. Februar nicht vergessen. „Babak war zwei Monate alt, er hat viel geweint an dem Abend.“ Die Fahrt im „Reisegenuss“-Bus begann um 6 Uhr morgens in Chemnitz, der Abend war ein Riesenchaos, er habe nichts verstanden und nur Angst gehabt. Vier von den sieben Familien von damals wohnen noch hier: Sie kommen aus Afghanistan, dem Iran, Syrien und dem Libanon.
Sedegh gibt zu, das Schächten sei ein Fehler gewesen. „Das war einer aus der Wohnung über uns“, sagt er. „Er hat nichts von dem Verbot gewusst.“ Und die Fußballkasse? Seine Frau und er schauen, als wollten sie sagen, diese Geschichte wieder. Er sagt: „Ich war an dem Tag der einzige von uns Flüchtlingen beim Fußball. Es fehlten dann am nächsten Tag 70 Euro. Ich habe das Geld nicht genommen. Für 70 Euro würde ich nicht meine Zukunft in Clausnitz aufs Spiel setzen.“ Er dachte, das Thema sei längst erledigt. „Ich spiele seit Monaten wieder Fußball.“ Er will doch nur keinen Ärger.
Erschienen in der Berliner Morgenpost, 16.2. 2017
Hilferuf von der Oderberger
Berlin – Neulich habe ich zum ersten Mal die Nerven verloren. Es ist ein Abend mit einer Freundin, die Flasche Rotwein steht geöffnet auf dem Balkon, wir hören den geschäftigen Lärm der Oderberger Straße: das Klirren von Essbesteck, das Poltern von Rollkoffern, das Kreischen, wenn aus Versehen etwas Blumenwasser von Balkonpflanzen auf Restaurantgäste tropft (hihi). Doch dann kommt einer dieser Musiker, die keine sind, und spielt „Careless Whisper“ von George Michael auf seinem Saxophon. So wie er es spielt, hasst er den Song. Er trifft nur jeden dritten Ton, und wir auf dem Balkon halten Augen rollend den Atem an. Als er fertig ist, stellt er sich an das nächste Restaurant, also zehn Meter weiter, und spielt das gleiche Lied, genauso schlecht. Danach direkt gegenüber. Beim vierten „I’m never gonna dance again“ wird es mir zu viel: Ich stehe auf dem Balkon, buhe aus Leibeskräften auf die Straße, schreie: „Aufhören!“ – und hasse mich gleichzeitig dafür.
Vor sieben Jahren zog ich in die Oderberger Straße, und bis heute kann ich mich noch an diese Euphorie erinnern, als ich damals zum ersten Mal auf genau diesem Balkon stand und die Straße hinunterschaute, in Richtung Mauerpark. Morgens bis elf knallt die Sonne auf die Straße, verschwindet dann Richtung Schwedter Straße, und bevor sie untergeht, schaut sie noch einmal in der Oderberger vorbei. Die ganze Straße wird dann von Wedding her für eine Viertelstunde in dieses orangefarbene, magische, instagrammable-langschattige Licht getaucht. Ich habe diesen Moment seitdem sehr häufig fotografiert und kann dann jedes Mal mein Glück kaum fassen.
Am Anfang war ich so froh über diese Momente, dass ich selbst die offensichtlichen Probleme dieser Gegend gut wegargumentieren konnte: die vielen Touristen („Yes, the Mauerpark is over there“), die Musiker („Manchmal singen sie ‚Buena Vista Social Club‘“), und selbst an den täglichen Lärm von der Feuerwehrstation hatte ich mich längst gewöhnt und sagte fast stolz: „Es ist immerhin die älteste durchgehend benutzte Feuerwehr in ganz Deutschland.“ Diesen Satz sagte ich Freunden auch dann, wenn die Sirenen direkt vor dem Balkon an der Kreuzung zur Kastanienallee aufheulten.
Aber vor einigen Monaten ist irgendetwas zerbrochen zwischen den Einwohnern und dieser Straße und der Außenwelt. Der Ton ist aggressiver geworden. Oder ist das in der ganzen Stadt so seit der Pandemie? In der Oderberger liegt das an den vielen Restaurants mit Egal-Essen, die nur Barzahlung akzeptieren, ganztägig eine Happy Hour anbieten und kein Problem damit haben, Mafia-Musikern eine Bühne zu bieten. Ihre Gäste sind ohnehin meist Touristen, die nur einmal die Sonne untergehen sehen wollen und nie wiederkommen. Sie sitzen auch Dienstagmorgen um 3 Uhr noch in den angeketteten Bänken vor den Restaurants und spielen Eurotrash-Musik. Sie hinterlassen ihre Eisbecher auf den Bänken als Geschenke an Nagetiere und fahren motzend mit E-Scootern auf dem Fußweg, weil die Straße ihnen zu holprig ist.
Natürlich ist die Miete in der Oderberger inzwischen kräftig gestiegen, der Vermieter meines Hauses ist der gleiche, der auch die Liebig 34 räumen ließ. Alle Gerüchte über ihn stimmen. Er versucht mit unredlichen Tricks, die Miete zu erhöhen, seine Gesellschaft (mit immer neuen Namen) hat noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse, er lässt Wohnungen im Haus bewusst leer stehen, das Treppenhaus verlottert – und der Müllraum müsste ein „Biohazard“-Schild draußen an der Tür haben. Wenn ich den Raum betrete, rufe ich immer „Ksch“, um die Ratten zu vertreiben. Außerdem steht ein Geldautomat direkt in der Eingangstür, bei dem jede Abbuchung nur gegen die Gebühr von 7,50 Euro möglich ist (#Wucher). Gibt es nicht Regeln in Städten, dass zumindest der Eingangsbereich für die (immerhin älteste!) Feuerwehr frei bleiben muss – zumal, wenn direkt gegenüber ein weiterer Automat steht?
Natürlich hat es Vorteile, im Zentrum der Hipness zu leben: Laut Bild-Zeitung wohnt ein berühmter Virologe hier in der Straße, beim Bäcker, der Hörnchen statt Croissants verkauft, trifft man Schauspieler („Inglourious Basterds“) und Regisseure („Lola rennt“). Der RBB hat einmal einen Film über diese Straße in Auftrag gegeben: Gedreht hat ihn Nadja Klier, die Tochter von Freia Klier, der Dresdner Bürgerrechtlerin. Sie erzählt darin von der Zeit vor dem Mauerfall, als auch das Schulkind Sahra Wagenknecht hier in der Straße wohnte.
Damals in den Achtzigern formierte sich ein erster Bürgerprotest in der Oderberger Straße. Die DDR wollte die maroden Altbauten abreißen und Plattenbauten auf der Oderberger errichten. Wie eine Ironie der Geschichte stehen an der Bernauer Straße jetzt langweilige Wohnblocks mit großen Glasfenstern, die immer leer aussehen, wahrscheinlich, weil die Bewohner in China oder San Francisco Zeit und Zinsen für sich arbeiten lassen wollen.
Auch in West-Berlin war diese Straße berühmt. Der Hochstand hinter der Mauer war so aufgestellt, dass die DDR-Schaulustigen direkt gleichzeitig in die Schwedter und die Oderberger Straße glotzen konnten. Er galt als eine der berühmtesten Aussichtsplattformen in West-Berlin. Heute stehen dort die Dealer und sprechen jeden an, der den Mauerpark betreten will. Die rund 100 Meter entfernte Polizeistation auf der Eberswalder Straße kann das nicht verhindern, vielleicht weil die Polizisten lieber Fahrradfahrern an der nahen Fußgängerampel 100-Euro-Strafzettel geben.
Klar ist selbst in der Oderberger immer noch viel altes Ost-Berlin zu spüren: die ramschige Pauls Boutique, wo glänzende 90er-Jahre-Trainingsanzüge 80 Euro kosten, das nette Nemo, wo der Barmann noch grummelig Musikwünsche entgegennimmt, das Il Giradischi mit seinen augenzwinkernd-unfreundlichen Kellnern und vor allem: die Kiezkantine. Dieses einzigartige Sozialprojekt bietet täglich ein Fleisch- und ein Veggie-Gericht für 5 bis 7 Euro. Immer Hausmannskost, immer an der Tafel angekündigt. Manchmal steht dort: „Jägerschnitzel nach alter DDR-Art“.
Sonntags ist die Kiezkantine geschlossen. Dafür sitzt dort vor der Tür immer eine kleine Frau mit einer Geige. Sie grüßt freundlich, aber wenn sie die Geige aus dem Köfferchen nimmt, beginnt die Tortur. Sie spielt „Besame Mucho“, jenen mexikanischen „Küss mich“-Song, der in diesem Jahr sein 80. Jubiläum feiert. Die Frau spielt etwas verkrampft lächelnd, nur den Refrain, stundenlang. Immer wieder. „Küsse mich, küss mich ganz feste! Küss mich, als wär’s heute Nacht zum allerletzten Mal.“ Ein mittelalter Mann kommt manchmal vorbei und räumt den Geigenkasten leer. Das Ganze sieht nach furchtbarer Ausbeutung aus. Wer genau hinhört, kann auf der Straße das Knallen der Balkontüren hören. Zwischen dem zweiten und dem dritten „Küss mich“.
Erschienen in der Berliner Zeitung am 19.9. 2021
Markus K.: Vater von 30 Kindern
Markus K. hat als Samenspender eine außergewöhnliche Großfamilie gegründet. Dabei ist er schwul. Bald kommt sein 30. Kind auf die Welt.

München. Neulich fand Markus K. seine Zahnbürste nicht. Der 50-Jährige war bei den Müttern von zweien seiner Söhne zu Besuch. Sie wohnen in einer Kleinstadt rund zwei Stunden von München entfernt. Er blieb über Nacht, und als er abreisen wollte, fand er weder Zahnbürste noch Zahnpasta. Schließlich gab einer der Söhne zu, die Zahnbürste versteckt zu haben.
Er sagte: „Wir wollten, dass Papa noch länger bleibt.“ Markus K. freute sich, ein bisschen, nicht zu sehr, aber doch genug, dass er noch Wochen später daran denkt. Markus. K. kann manchmal nicht glauben, dass der Begriff „Papa“ wirklich der richtige ist für einen wie ihn: Seit er sieben Jahre alt ist, weiß er, dass er schwul ist, und die meiste Zeit seines Lebens dachte er, dass er nie Kinder haben würde.
Er war Priesteranwärter in Regensburg, wurde kurz vor dem Abschluss anonym als schwul geoutet, ist heute Versicherungskaufmann in München. Mit 37 Jahren sah er eine Anzeige: Ein lesbisches Pärchen suchte einen Samenspender.
„Im Oktober haben wir uns kennen gelernt, im Dezember hatte es geklappt“, sagt er, „beim ersten Versuch.“ Den Moment der Geburt des ersten Kindes, ein Sohn, wird er nie vergessen. „Ich habe es per E-Mail erfahren und war überwältigt.“ Der Junge ist heute 14. Damals war das erst der Anfang: „Die Hebamme des ersten Kindes wurde die Mutter des vierten Kindes.“ Die Mütter dazwischen kannten einander vom Münchner Lesbenstammtisch.
Im September kommt sein 30. Kind zur Welt, es wird ein Junge werden. Dann sind es 15 Mädchen und 15 Jungen, die „mit meiner Hilfe“ entstanden sind, wie er es ausdrückt. 16 Müttern hat er seinen Samen gespendet. Vor jedem Versuch lernt er die Frauen, meist lesbische Paare, gut kennen. Er versucht herauszufinden, ob man einander mag. Seine Bedingungen sind klar: Er möchte Kontakt zu den Kindern haben, mehr will er nicht. Die Frauen sollen einen stabilen Eindruck machen und keine finanziellen Ansprüche an ihn stellen.
„Ich glaube, ich hatte sehr viel Glück mit meinen Frauen“, sagt er, „denn es hat bisher funktioniert.“ Außer im Januar gibt es jeden Monat mindestens einen Geburtstag, auf den er eingeladen ist, im Juli sind es vier. „Vor drei Jahren lud ich sie zu meinem Geburtstag ein und alle Münchner Mütter kamen“, sagt er.
Stolz zeigt er ein Familienfoto mit ihm in der Mitte und 16 Kindern um ihn herum. Die anderen Kinder wohnen verteilt in Deutschland und Europa. Zu denen fährt er dann für kurze Ausflüge. „Ich stelle mir manchmal vor, dass die Halbgeschwister später einander kennenlernen und froh sind, dass sie immer jemanden zum Reden haben.“
Nicht immer läuft alles so glatt, wie es der Begriff „Regenbogenfamilie“ vermuten lässt, der für seine Art der Familie verwendet wird. Weil es so viele sind, hat er eine Liste mit den 29 Namen seiner Kinder auf einem Din-A4-Blatt.
Hinter jedem Vornamen steht eine Geschichte. Mehrere Mütterpaare haben sich scheiden lassen, und eine der Mütter hat ihren Ehemann durch Selbstmord verloren. Scheidung und Tod der Eltern, das sind Dinge, die er seinen Kindern gern erspart hätte.
Und dann ist da der 6. Dezember 2006. Es ist das Datum in der Liste, das mit einem Stern gekennzeichnet ist. An dem Tag wurde der Sohn geboren, der schon vor der Geburt im Bauch der Mutter starb, im achten Monat. „Das war der absolute Alptraum, vor allem für die Mutter.“ Markus K. sagt, auch er habe viel geweint damals. Obwohl danach noch 22 weitere Kinder gesund zur Welt kamen, der Kleine hat einen festen Platz an seiner Wand über dem Küchentisch. „Noch heute rufe ich die Mutter am 6. Dezember an.“
Neulich hat er im Intranet seiner Firma von seiner Vaterschaft berichtet. Es gab Zuspruch, aber auch kritische Fragen, alles Dinge, mit denen er sich seit der Geburt des ersten Kindes auseinandersetzt: Was für eine Art Vater will er sein? Wird es irgendwann zu viel? Wie geht es den Kindern damit? Und die wichtigste: Warum macht er das?
Er erzählt dann, dass er Frauen zu einer Familie verhelfe, die sonst für eine Samenspende 2000 Euro und mehr zahlen müssten, dass er gesund lebe, weder rauche noch trinke – und er denkt, etwas wirklich Schönes weiterzugeben: Leben. Er mag es, seine Eltern und Großeltern in den Gesichtern der Kinder wiederzusehen. „Das ist etwas ganz Archaisches“, sagt er, „dieses Gefühl, dass es irgendwie weitergeht.“
Schwierig ist es für ihn, ohne Partner zu leben. Markus K. ist seit 13 Jahren Single. Sein Mann müsste tolerant sein, Lust haben auf Geburtstage und Kinder, die sich auch von sich aus melden. „Mein ältester Sohn hat mich neulich auf Facebook angefragt“, sagt er. Sonst meldet er sich über WhatsApp oder besucht sie zum Geburtstag, zur Schuleinführung, zu Weihnachten, bei manchen öfter.
Markus K. will nach dem 30. Kind nicht aufhören. „Ich habe noch zwei, drei Paare, denen ich helfen will“, sagt er. „Danach ist Schluss, vielleicht.“ Er macht eine Pause und lächelt, weil noch eine Frage unbeantwortet ist: Wie macht er es? Er antwortet nüchtern, erzählt von Haferflocken, die er oft esse („gut für die Spermien“) und von dem Einwegplastikbecher, den er den Müttern an der Tür übergibt.
Die Mütter benutzen dann eine kleine Plastikspritze für die Insemination. Eine der Mütter, verheiratet mit einem Mann, hat Markus K. deshalb „Bauchpapa“ genannt. Zum Kind sagte sie: „Du hast einen Papa, und das ist der Mann, der dich in meinen Bauch brachte.“
Erschienen in der Berliner Morgenpost am 5.6.2018
Eric Stehfest, Porträt
Berlin. Eric Stehfest legt die Handflächen an den Seiten aneinander und formt so eine Schale. „So habe ich das damals auch gemacht in der Entzugsklinik“, sagt der Serienschauspieler. „Da habe ich gesehen, dass meine Lebenslinie ein Lächeln formt, wenn ich sie aneinander lege.“ Er sagt, er war an einem Nullpunkt in seinem Leben angekommen und dieses kleine „Smiley“ in der Hand, das hat ihm damals Kraft gegeben, wieder anzufangen, weiterzumachen, und vor allem: Dinge zu Ende zu bringen, die er einmal angefangen hat.
Denn beim Leben im Rausch war alles Idee, aber nie begann er damit, sie umzusetzen. Knapp zehn Jahre war Stehfest drogenabhängig, zunächst von Partydrogen wie Ecstasy, dann von Crystal Meth. Er war immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Er hat über diese Zeit ein Buch geschrieben, „9 Tage wach“, das sich über 200.000-mal verkaufte und jetzt verfilmt werden soll. Außerdem schreibt der 29-Jährige, der mit seiner Ehefrau einen kleinen Sohn hat, an einer Serie und ist noch Festival-Gründer. Zudem dreht er nach dreimonatiger Auszeit seit vergangener Woche wieder die RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Die Rolle des Chris Lehmann spielt er seit 2014.
Wer Stehfest trifft, der trifft also auf einen viel beschäftigten Mann. „Rainer Werner Fassbinder ist zwar mein Vorbild“, sagt er über den Regisseur, „aber eben auch als Negativbeispiel.“ Fassbinder starb an einer Überdosis Kokain. Stehfest aber ist einer, der überlebt hat. Davon will er jetzt erzählen, vor allem in Schulklassen, denn „9 Tage wach“ steht im kommenden Schuljahr bundesweit für die Lehrpläne der Oberstufen zur Auswahl.